Internationaler Gedenktag: Handicap International appelliert an Innenministerkonferenz

Berlin, 3.12.2025 – Der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen erinnert jedes Jahr daran, dass alle Menschen unabhängig von Herkunft, Aufenthaltsstatus oder Fluchterfahrung, ein Recht auf Barrierefreiheit, Nichtdiskriminierung und volle gesellschaftliche Teilhabe haben. Doch während an diesem Tag weltweit Sichtbarkeit geschaffen wird, bleiben diejenigen oft unsichtbar, die gleich mehrfach ausgegrenzt sind: nach Deutschland geflüchtete und migrierte Menschen mit Behinderungen.

Zwischen 10 und 15 Prozent der Menschen, die hier Schutz suchen, leben mit Behinderungen. Sie bringen Erfahrungen, Stärken und Perspektiven mit, Und sie treffen auf Strukturen, die ihre Bedarfe kaum berücksichtigen. In Unterkünften, im Asylverfahren, in der Gesundheitsversorgung und beim Zugang zu Assistenz zeigen sich Barrieren, die echte Teilhabe verhindern und die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) unterlaufen.

Innenministerkonferenz muss Schutzlücken für Menschen mit Behinderungen schließen

In diesem Jahr fällt der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen mit dem Beginn der Innenministerkonferenz (IMK) zusammen. Handicap International (HI) nimmt dies zum Anlass, Minister*innen und Senator*innen der Länder an ihre rechtlichen Verpflichtungen zu erinnern, wirksame Verfahren zur Feststellung besonderer Schutz- und Unterstützungsbedarfe geflüchteter und migrierter Menschen mit Behinderungen einzuführen.

Diese Schutzlücke hat der UN-BRK-Fachausschuss Deutschland bereits 2023 unmissverständlich benannt und die Minister*innen aufgefordert, verbindliche Verfahren einzuführen. Ohne diese Identifizierung bleiben zentrale Rechte wie barrierefreie Unterbringung, Assistenz, Hilfsmittel, Therapieangebote, ein faires und barrierefreies Asylverfahren reine Theorie.

Auch die europäische Asylrechtsreform (GEAS) verpflichtet Bund und Länder ausdrücklich, besondere Schutz- und Unterstützungsbedarfe zu erkennen. Werden diese nicht festgestellt, sind Fehlentscheidungen programmiert: Menschen mit Mobilitätseinschränkungen landen in nicht barrierefreien Unterkünften, gehörlose Personen in Regionen ohne Gebärdensprachkompetenz; Therapien, Assistenz oder notwendige Hilfsmittel bleiben monatelang aus und Anhörungen finden ohne barrierefreie Kommunikation statt.

Der Gedenktag erinnert, die Innenministerkonferenz verpflichtet

Handicap International fordert die Minister*innen und Senator*innen auf, die IMK als Wendepunkt zu nutzen und die Bedarfsidentifizierung endlich verbindlich umzusetzen. Konkret fordert HI:

  1. Einheitliche Identifizierung besonderer Bedarfe in jedem Einzelfall
  2. Qualitätsstandards für Prüfung und Dokumentation gemäß GEAS
  3. Keine Bedarfsfeststellung durch die Polizei
  4. Bundesweit einheitlicher und datenschutzkonformer Informationsfluss
  5. Rechtsbehelf bei fehlerhaften oder unterlassenen Feststellungen
  6. Unabhängige Rechtsberatung ab Beginn des Verfahrens

Ohne diese Schritte bleibt Inklusion ein Versprechen, aber keine Realität.

Unsere Solidarität gilt den Menschen, um die es geht

Der 3. Dezember mahnt uns, niemanden unsichtbar zu lassen. Crossroads arbeitet täglich daran, Barrieren abzubauen, Rechte durchzusetzen und Selbstbestimmung zu stärken. Wir informieren über Ansprüche, unterstützen beim Zugang zu Versorgung, begleiten zu Bildungs- und Arbeitsangeboten, stärken Selbstvertretung und schulen Fachkräfte in inklusivem Handeln.

Wir stehen solidarisch an der Seite aller Menschen mit Behinderungen, die Barrieren benennen, Rechte einfordern und Teilhabe leben wollen. Es braucht jetzt den politischen Willen, damit Inklusion nicht nur ein Grundsatz bleibt, sondern Alltag wird.


Jahreskonferenz: Zwischen Ankunft und Ankommen – Inklusion statt Ausgrenzung

Berlin, 13.11.2025 Wie können wir Teilhabebarrieren für geflüchtete Menschen mit Behinderungen abbauen? Unter diesem Leitthema stand die diesjährige Fachkonferenz in der Französischen Friedrichstadtkirche zu Berlin. Rund 200 Teilnehmende aus Politik, Verwaltung, Zivilgesellschaft, Praxis und Selbstvertretung kamen zusammen, um Perspektiven auszutauschen und konkrete Handlungsschritte zu entwickeln.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Dr. Inez Kipfer-Didavi, Geschäftsführerin von Handicap International Deutschland und Dr. Susanne Schwalgin, Projektleiterin von Crossroads. Den Auftakt setzte Judy Gummich, die in ihrer Keynote eindrucksvoll die Verflechtung von Rassismus und Ableismus insbesondere mit Blick auf Elternschaft und Flucht beleuchtete: „Rassismus und Ableismus sind keine getrennten Phänomene, sie bedingen sich gegenseitig.“

Politische Diskussion: Schutz, Teilhabe und Gleichberechtigung

In der anschließenden Diskussionsrunde betonten Yıldız Akgün (MINA), Kerstin Becker (Paritätischer Gesamtverband), Heike Heubach (SPD-Bundestagsfraktion) und Rouby Traoré (Our Voice) die dringende Notwendigkeit, Rechte geflüchteter Familien mit Behinderungen konsequent zu stärken. Heubach zeigte sich bewegt von der emotionalen Fluchtgeschichte Traorés und hob hervor: „Barrierefreiheit ist keine Kür, sondern Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Das gilt besonders für geflüchtete Familien mit Kindern mit Behinderungen. Akgün formulierte eine klare Forderung an die Politik: „Warum kann sich der Staat sich nicht so einsetzen, wie wir das tun?“ Becker ergänzte, dass der Gesetzgeber stärker an den völkerrechtlichen Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) ausgerichtet werden müsse. „Zudem müssen wir Beratungsangebote auf- und nicht abbauen, um die Bedarfe der Menschen direkt nach ihrer Ankunft adäquat abdecken zu können.“

GEAS-Reform und rechtliche Perspektiven

Mit juristischem Tiefgang analysierte Sophia Eckert in ihrer Keynote die geplante GEAS-Reform und deren Auswirkungen auf geflüchtete Menschen mit Behinderungen. Sie betonte, dass die Rechte Betroffener bislang unzureichend berücksichtigt würden, und sprach sich für die Einrichtung einer Sonderbeauftragten im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aus.

Workshops: Praxis und Perspektiven

Am Nachmittag konnten die Teilnehmenden in sieben Workshops Themen aus der Praxis vertiefen.
Die Vielfalt der Beiträge zeigte: Inklusion erfordert gemeinsame Verantwortung über Fachgrenzen hinweg.

Workshop Thema Leitung / Moderation
1 Empowerment im Kontext von Flucht und Behinderung Rouby Traoré
2 Flucht, Migration, Behinderung und Sucht Antje Trauernicht
3 Neues GEAS, neue Praxis? Beratung und Begleitung nach der Reform Claire Deery, Sophia Eckert
4 Besondere Barrieren beim Familiennachzug Ulrike Schwarz, Anna Suerhoff, UNHCR-Team
5 #NichtPASSgenau? Menschen mit Behinderungen und die Einbürgerung Dr. Barbara Weiser, Rezan Shekh Muslim, Soraia Da Costa Batista
6 Herausforderungen für Familien mit Kindern mit Autismus und Fluchterfahrung Sahsenem Camoglu
7 Inklusive Sprachförderung Katharina Obens

Abschlussrunde: Medienarbeit und Aktivismus

In der lebhaften Schlussdiskussion diskutierten Amanda Brennan, Mahmoud Hassino und Raúl Krauthausen wie Medien und Kampagnen gesellschaftlichen Wandel vorantreiben können.
Hassino berichtete über die neue Instagram-Kampagne von Crossroads und der Selbstvertretenden-Gruppe NOW – Nicht ohne das Wir, die Stimmen geflüchteter Menschen mit Behinderungen sichtbar macht: „Wenn Inklusion nur theoretisch ist, müssen wir das System ändern“, rezitierte er eine Teilnehmende aus dem Video-Projekt. Krauthausen personalisiert das Thema Menschen mit Behinderungen und verspricht sich dadurch als Blogger und Aktivist Reichweite. Sein Konzept scheint aufzugehen. Krauthausen ist mit seinen Publikationen und Geschichten regelmäßig Gast in prominent besetzten Talkshows im deutschen Fernsehen. Auf dem Podium unterstrich er die Bedeutung einer respektvollen Darstellung in den Medien: „Wir schulden niemandem Diagnosen. Wir müssen weg von der Deklarierung einer Aufklärung hin zum Selbstverständlichen.“

Die Konferenz zeigte eindrucksvoll: Es gibt Fortschritte, aber auch weiterhin große Herausforderungen, um Inklusion im Kontext von Flucht Realität werden zu lassen. Heike Heubach fasste es treffend zusammen: „Nur wenn Teilhabe selbstverständlich wird, kann Ankommen wirklich gelingen.“

Handicap International – Crossroads bleibt dran, diese Debatte sichtbar zu machen und politische sowie gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen.

Alle Fotos: William Veder, Eventfotografie. https://williamveder.de/


Social-​Media-Kampagne #meetNOW

Im Juli starteten wir zusammen mit der Gruppe NOW! eine neue Social-Media-Kampagne unter dem Hashtag #meetNOW.  Im Zuge dieser Kampagne veröffentlichen wir kurze Videos (Reels) von einzelnen Selbstvertreter*innen, in denen sie ihre Forderungen und Botschaften zum Ausdruck bringen. Das Ziel unserer Kampagne ist es, die Mitglieder unserer Gruppe NOW! vorzustellen und auf ihre politischen Forderungen und Wünsche aufmerksam zu machen. Hier können Sie die Reels auf unserem Instagram oder Facebook anschauen.


Bundesweites Netzwerktreffen Flucht.Migration.Behinderung.

Zwei Mitglieder der Gruppe NOW! Nicht Ohne das Wir, Rezan und Zainab, nahmen am 27. Juni am bundesweiten Netzwerktreffen Flucht Migration.Behinderung. teil.  Rezan und Zainab sprachen über ihre Forderungen an die Politik für eine inklusivere Gesellschaft. Zwei zentrale Fragen wurden aufgeworfen:

1) Wie können wir die Zusammenarbeit zwischen unserer Gruppe und Organisationen, die in den Bereichen Migration, Flucht und Behinderung arbeiten, stärken?

2) Wie können wir mehr Mitglieder erreichen und für unsere Gruppe gewinnen, um unsere Perspektiven zu erweitern und unsere Arbeit um weitere Stimmen zu bereichern?

Wir möchten weitere Menschen mit Behinderung und Fluchtgeschichte motivieren sich uns anzuschließen, um gemeinsam für unsere Rechte zu kämpfen und Barrieren abzubauen, die uns ausgrenzen.  Starke Bündnisse aufzubauen und neue Gruppenmitglieder zu gewinnen, sind dafür ein wichtiger Schritt.

Vielen Dank an Rezan und Zainab für den inspirierenden Input.


Die politischen Forderungen der Gruppe NOW!

Ende letzten Jahres erarbeitete Crossroads mit der Selbstvertretungsgruppe „NOW! Nicht Ohne das Wir“ ein neues Video, welches von ihrem Engagement für eine inklusive Gesellschaft, die auch geflüchtete Menschen mit Behinderung mitdenkt, erzählt. Das Video macht auf die politischen Missstände, Forderungen und Wünsche, unter anderem in Bezug auf das deutsche Einbürgerungsgesetz, aufmerksam. Sei dabei und mach mit, falls du Interesse an der Arbeit der Gruppe „NOW! Nicht Ohne das Wir“ hast und gehen auf unsere Projektwebseite. Hier geht es zum Video: https://youtu.be/z2qzKlrE_8o Das Video gibt es mit deutschen und arabischen Untertiteln.